Quintessenz eines Kinojahres
2005-09-27 00:20:00 -
"Why Warhol Matters", warum es eine 10-stündige Filmvorführung gibt. Womit die VIENNALE von 14. bis 26. Oktober begeistert.
"Ginge es darum, den Anspruch der VIENNALE zu formulieren, so wäre das
Festival der Versuch", so Direktor Hans Hurch, "jene Bilder und Töne zu
zeigen und zu Gehör zu bringen, die unabhängig vom allgemeinen Betrieb,
von medialen Strategien und äußerlichen Interessen existieren und
Gewicht haben. Ein wenig mehr Gewicht, Schönheit und Notwendigkeit
vielleicht als andere. Einen Moment von Eigenem und Essentiellem." –
Nicht nur Hans Hurch gefällt die Vorstellung, dass die VIENNALE so
etwas sein könnte – oder ist – wie das "Essential Cinema" eines
flüchtigen Jahres.
Durch ihre späte terminliche Position im Laufe des Kalenderjahres, wie
auch in der zeitlichen Reihung der internationalen Filmfestivals ist
dieser Gedanke gar nicht so abwegig, die VIENNALE als die Quintessenz
eines Filmjahres zu bezeichnen; eine Art Pool, in dem die
herausragendsten Filmproduktionen des vergangenen Jahres
zusammengetragen werden. – Festivallieblinge gleichermaßen wie
Gustostückchen, die noch keine breite Öffentlichkeit erreicht haben.
Festivals "sind so spannend, lebendig, sinnhaft und überzeugend wie die
einzelnen Filme, die sie präsentieren", findet der Festivaldirektor,
der heuer ein besonders vielseitiges Programm präsentieren kann.
Auf den zweiten Teil der von Lars von Trier mit
Dogville begonnenen Trilogie darf man sich beispielsweise im
Hauptprogramm freuen:
Manderlay
arbeitet wie sein Vorgänger mit minimalistischem Dekor. Auch Gus Van
Sant bleibt seinen Stilmitteln treu, wenn er einen Rockstar, zu dem ihn
unübersehbar Kurt Cobain inspiriert hat, durch seine letzten Tage
begleitet. Wie etwa in
Elephant geht es in
Last Days
weniger um eine inhaltliche Achterbahnfahrt, als mehr darum, Atmosphäre
aufzubauen – und zwar aus verschiedenen Perspektiven. Reduzierte
Stilmittel verwendet auch Ira Sachs mit
Forty Shades of Blue:
Im Zentrum des Interesses stehen die Figuren und die Geschichte, die
diese verbindet; und nicht technische Spielereien. Unter den rund 100
Spiel- und Dokumentarfilmen, die das Hauptprogramm ausmachen, befinden
sich auch rund ein Duzend heimische Produktionen wie Michael Glawoggers
neuer Dokumentarfilm
Workingman's Death.
Theoretisch sollte auch
Ebolyson ng Isang Pamilyang Pilipino
im Hauptfilmprogramm laufen, da die Familienchronik ein beliebter
Gesprächsstoff im aktuellen Festivaljahr ist: Ein französischer
Kritiker schrieb gar, man werde in diesem Jahr Filmfestivals danach
beurteilen können, ob sie das Wagnis eingehen, den Film von Lav Diaz zu
zeigen. Die VIENNALE wagt es, macht aus dem kinematographischen
Grenzerlebnis allerdings gleich ein
Special Event: Ganze zehn
Stunden dauert das Werk nämlich. Gezeigt wird es im Rahmen einer
Sondervorstellung einen ganzen Kinotag lang bei freiem Eintritt.
Ähnlich viel Sitzfleisch fordert
Andy Warhol mitunter von seinem Publikum.
Sleep (1963) etwa ist ein stummes, sechsstündiges Werk in Schwarz-Weiß, das nichts als einen schlafenden Mann zeigt.
"In meinen ersten Filmen," so Warhol später, "erscheint nur ein
einziger Schauspieler auf der Leinwand, der stundenlang ein und
dasselbe macht: essen, schlafen oder rauchen. Ich beschränkte mich auf
diesen einen Darsteller, weil die Leute in der Regel ausschließlich ins
Kino gehen, um den Star zu betrachten, was auch immer er tun mochte,
und ihn nach Herzenslust mit den Augen zu verschlingen." – Von 1.-31.
Oktober werden Warhols Experimente mit dem Genre Film bis hin zum
quasi-professionellen Musikfilm
The Chelsea Girls
im Rahmen der Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum vorgeführt;
es ist die bislang umfassendste Präsentation seines Filmwerkes: Mehr
als 30 der zentralen Arbeiten, sowie mehrere Stunden der legendären
"Screentests" (Portraits bekannter und unbekannter Personen) stehen auf
dem Programm. Die Auswahl traf der amerikanische Filmemacher und Autor
Jonas Mekas, ein langjähriger Freund Warhols, zeitweise sein
Mitarbeiter und profunden Kenner der Filme Warhols.
Darüber hinaus ist die im letzten Jahr begonnene Reihe
Working Class Andy Warhol gewidmet. Unter dem Titel
Why Warhol Matters
wird seine Filmarbeit im Rahmen von Lectures, Gesprächen und
Interventionen diskutiert. – Teilnehmer sind etwa Regisseure wie
Romuald Karmakar oder Gerard Malanga, Darsteller in Warhols Filmen,
Christoph Schlingensief und Filmschau-Kurator Jonas Mekas.
Einem weiteren radikalen und eigenwilligen Filmemachern ist ein
Special Program gewidmet: dem Portugiesen
Pedro Costa,
dessen ästhetisches und politisches "work in progress" fokussiert wird.
In der Filmstadt Paris beschäftigt sich die VIENNALE mit einer zarten,
androgynen Frau mit gebrochenem Französisch und subtil zur Schau
getragener erotischer Ausstrahlung: Die Vielseitigkeit von
Jane Birkin wird in rund einem Dutzend ausgewählter Filme aufgezeigt.
Ins Shanghai der späten 20er- und frühen 30er-Jahre führt die
Hommage an Ruan Lingyu,
eine der wichtigsten weiblichen Filmstars der chinesischen
Stummfilmzeit. Die wenigen Filmarbeiten, die nicht als verschollen
gelten, sind bei der VIENNALE zu sehen. Ein weiterer Ausflug führt in
ein fantasiertes Buenos Aires:
Buenos Aires dreams itself
versammelt labyrintische Perspektiven und überraschend Ansichten einer
Stadt, die es so gar nicht gibt: Ein kinematographischer Stadtplan
entsteht so – von Wong Kar-Wai bis Robert Duvall.
Sie kommt viel herum, die VIENNALE; besucht heuer wieder zahlreiche
Orte, Städte, Kontinente. Überall dort, wo cineastische Momente
aufblitzen, macht sie Halt. Bei Highlights des vergangenen Jahres, wie
auch bei "zeitlosen" Stationen.
Viel Vergnügen beim Zusammenstellen der persönlichen Reise.
DIE VIENNALE AUF EINEN BLICK.
DIE TERMINE Filmliebhaber werden heuer von 14. bis 26. Oktober in den Festivalkinos der VIENNALE abtauchen.
TICKETS. Ab 1. Oktober, Punkt 10 Uhr beginnt die Jagd auf Festivaltickets. – Entweder im virtuellen Zuhause der VIENNALE –
www.viennale.at –, bei den Vorverkaufsstellen oder telefonisch bei der A1-Ticketline unter 0800/664 005.
Das Festival-Programm ist ab 29. September, 19 Uhr online abrufbar.
NEUE SPIELSTÄTTE. Zu den gewohnten Festivalkinos der VIENNALE
gesellt sich heuer eine weitere, ebenso zentrale Spielstätte: das
Künstlerhauskino (1., Akademiestraße 13).
Die anderen Festivalkinos: Gartenbaukino (1., Parkring 12), Metro (1.,
Johannesgasse 4), Stadtkino (3., Schwarzenbergplatz 7), Urania (1.,
Uraniastraße 1). Retrospektive: Filmmuseum (1., Augustinerstraße 1)
DAS PLAKATSUJET. Wie schon im Vorjahr schmückt heuer eine viele
tausend Jahre alte Felszeichnung aus dem Gebiet des heutigen Algerien
die Plakatekate und Festivalkataloge. Die beiden tanzenden Frauen
versuchen eine "bildhafte Übersetzung der Haltung und des Geistes des
Festivals." – "Die Leichtigkeit des Tanzes, das Verspielte und das
Tastende, das Physische und Rituelle kommen unserer kleinen Utopie
eines Festivals nahe. Unserer Arbeit des Entdeckens und unserer Freude
an einer freien Bewegung." so Festivaldirektor Hans Hurch.
RETROSPEKTIVE. UND WORKING CLASS. Von 1.-31. Oktober wirkt Andy Warhols Geist im Österreichischen Filmmuseum. Durch das spannende Programm kann man auf
www.filmmuseum.at
schnuppern. – Die im Vorjahr begonnene Reihe "Working Class" ist heuer
Andy Warhol gewidmet. Verschiedene Filmemacher, sowie Mitarbeiter von
Warhols Filmen werden Lectures unter dem Übertitel "Why Warhol Matters"
halten.
EINTRITT FREI. Die zehnstündige (!) Familienchronik
Ebolusyon ng Isang Pamilyang Pilipino
von Lav Diaz wird in einer einmaligen Sondervorstellung durchgehend für
die Dauer eines Kinotages bei freiem Eintritt präsentiert. (Termin
steht noch nicht fest.)
TRIBUTES. SPECIAL PROGRAMMES. Jane Birkin, der ein Tribute
gewidmet ist, wird am 17. 10. im Volkstheater ein Konzert geben
(Tickets sind u. a. bei ÖTicket erhältlich. Tel.: 01/96 0 96). "Buenos
Aires Dreams Itself" entwirft einen kinematographischen Stadtplan.
Außerdem präsentiert die VIENNALE eine Werkschau des portugiesischen
Regisseurs Pedro Costa, sowie eine Hommage an den chinesischen
Stummfilmstar Ruan Lingyu.
ENTSCHEIDUNGSHILFE:
10 Tickets, um die man kämpfen sollte.
>> CHILDSTAR/ Don McKellar
(Kanada 2004) Starrummel einmal anders.
>> FORTY SHADES OF BLUE/ Ira Sachs
(USA 2004) Eine ruhige, eindringliche Erzählung; die Figuren stehen im Mittelpunkt.
>> LAST DAYS/ Gus Van Sant
(USA 2005) Von Kurt Cobain inspiriert, erzählt Van Sant von den letzten Tagen eines Rockstars.
>> MANDERLAY/ Lars von Trier
(DK/S/GB/F 2004) Auch in Teil 2 der mit
Dogville begonnenen Trilogie arbeitet von Trier mit Minimalismus.
>> MATCH POINT/ Woody Allen
(GB 2004) Allen arbeitet in London. Mit Scarlett Johansson vor der Linse.
>> ME AND YOU AND EVERYONE WE KNOW/ Miranda July
(USA 2005) Humorvoll werden eine ganze Reihe an Personen und deren Lebensläufe verwoben.
>> MOARTEA DOMNULUI LAZARESCU/ Cristi Puiu
(RO 2005)
Der Tod des Mr. Lazarescu heißt der Titel übersetzt, passend zum verwendeten Reality-TV-Stil.
>> TRANSAMERICA/ Duncan Tucker
(USA 2005) Eine konservative Transsexuelle begibt sich mit ihrem verlorenen Sohn auf Reisen.
>> CROSSING THE BRIDGE/ Fatih Akin
(D 2005) Alex Hacke ("Einstürzende Neubauten") erforscht Istanbuls Musikszene.
>> FOLLOWING SEAN/ Ralph Arlyck
(USA 2004) 30 Jahre nach seinem Film über Sean dreht Arlyck eine weitere Dokumentation über ihn.