Kabarettisten auf neuen Pfaden: Stermann und Grissemann über ihr neues Programm.
Die Presseinformationen zu „Harte Hasen“ gestalten sich recht kryptisch … Die Nasen der Hasen, die Energie verbreiten … Was hat es damit auf sich?
Stermann: Ich glaube, dass man es bis jetzt nur kryptisch
erzählen kann. Ich glaube, wir werden dann sehr überrascht sein, was
auf der Bühne passieren wird. Es wird wohl eine Art
Improvisationstheater. Wir kannten über die „Harten Hasen“ auch nur
diese Legende. Mehr wussten wir nicht.
Grissemann: Aber durch die Berührung dieser zwei Hasen sind wir andere Menschen geworden.
Stermann: Weil die Kraft dieser zwei Hasen auf uns
übergegangen ist. – Und wir gesundet sind. In Wahrheit geht es darum,
dass wir eine Art Kur gemacht haben. Jetzt, ohne Alkohol auf der Bühne,
ist es auch eine völlig neue Erfahrung für uns. Das bietet natürlich
ganz neue, ganz andere Möglichkeiten. Man kann viel konzentrierter
arbeiten.
Grissemann: Wir sind völlig neu, gereinigt, und durch die
Begegnung mit den Hasen frei und karthatisch aufgeladen und zum ersten
Mal mit positiver Ausstrahlung.
Nach der Premiere der Hasen spielt ihr in Deutschland trotzdem noch die Ohrfeigenanstalt…
Grissemann: In Deutschland spielen wir das alte, in
Österreich das neue. Es ist schwierige Gedankenarbeit, Geistesarbeit,
ständig herum zu switchen. Zumal vom Harte Hasen-Programm erst 6 Zeilen
existieren. Da muss jetzt dick gearbeitet werden. Es wird alles neu.
Stermann: Wir als Menschen ja auch quasi. Wir wollen uns ja
völlig anders präsentieren. Wir wollen zwei Jungbrunnen auf der Bühne
sein. Es wird auch schwer beim Programmswitchen – dann am einen Tag ...
Grissemann: ... am einen Tag muss man den zerschlagenen Alkoholiker spielen und am nächsten Tag wieder den jungen, frischen ...
Adonis.
Stermann: Adonis, genau. Adonis ist vielleicht das richtige Wort.
Es wird also auch keine Ohrfeigen mehr geben.
Stermann: Nur an den Tagen, an denen wir in Deutschland das
alte Programm spielen. In Österreich wird’s keine Ohrfeigen mehr geben.
Österreich ist eine völlig ohrfeigenfreie Zone. Darum freuen wir uns
auch sehr auf die Dialoge.
Weil du mal nicht am Boden liegst.
Stermann: Ja, sicher. Aber auch umgekehrt: Weil es ja auch
keinen Spaß macht, immer auch verbal nur Ohrfeigen zu verteilen. Auch
der, der die Ohrfeige gibt, den schmerzt das ja viel mehr als den
anderen.
Auch keine verbalen Ohrfeigen mehr?!
Grissemann: Es soll schon ein Programm werden, das relativ
frei ist von Zynismus. Also alles, wofür wir gestanden sind, soll da
raus. Es wird eher ein freundliches Amusement verbreitet. Keine
taktischen Gemeinheiten.
Eher ironisch und nicht sarkastisch.
Grissemann: Genau. Eher die feine Klinge und nicht derber
Sarkasmus. Um uns eine völlig neue Publikumsschicht zu erschließen:
Nämlich die Frauen ab 55. Und es gibt zwei ausgestopfte Hasen immer mit
auf der Bühne. Das ist zum ersten Mal in unserer Karriere, dass wir an
so was wie ein Bühnenbild gedacht haben.
Stermann: Es wird also insofern eine Art Vierpersonenstück.
Grissemann: Vier leblose Geschöpfe …
Stermann: … ausgestopft und mit feuchten Nasen.
Das Programm wird dann auch nicht politisch, wenn ihr versucht, keine verbalen Ohrfeigen auszuteilen?
Grissemann: Äh, es ist so schwer über was zu reden, was noch
gar nicht existiert, aber ich glaube, es wird nicht politisch (lacht),
oder? (Blick zu Stermann)
Stermann: Ich weiß es nicht. Glaub’ ich nicht. Wir waren ja
auch noch nie politisch. Für uns war ja Politik – von der Bedeutung her
– nicht viel anders als das Schlagerkarussell. Jörg Haider hat für uns
ja keine andere Bedeutung als Howard Carpendale. Das waren einfach
Figuren, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, für uns also gleich
bedeutend. Nur: es interessiert uns viel, viel weniger als ohnehin
schon. Auch das Reden über etwas ... Es wird immer schwieriger, weil
alles schon gesagt wurde und alles so unbedeutend ist.
Grissemann: Und es ist einfach wirklich etwas Jämmerliches
irgendwie ... beginnen, sich Witze über Ursula Haubner zu überlegen.
Dann könnte man den Beruf gar nicht mehr ernst nehmen. Oder
österreichische Innenpolitik. Dann lieber einen Querschnittsgelähmten
in einem Glawoggerfilm spielen.
Ihr habt ja in den letzten Jahren relativ viel abseits von
Moderation, Kabarett und euren Büchern gemacht – das Kinderbuch von
dir, Dirk, oder die Filme ... Was reizt noch am Kabarett?
Stermann: Eigentlich sind wir inzwischen eher Theaterschauspieler, möchte ich fast sagen.
Grissemann: Genau, wenn man „Seele brennt!“ hernimmt … also
wir sind Schwab-Darsteller ........ Wir haben jetzt irrsinnig lange als
Kabarett, wenn man es so bezeichnen will, Pause gemacht – und wir
freuen uns drauf. Einen engen Terminkalender zu habe und noch mal
dieses Tourfeeling zu haben. 12 Mal hintereinander aufzutreten. Ich
finde es ganz reizvoll, das wieder zu machen. Ein allerletztes Mal im
großen Stil aufzutreten. Da freu ich mich drauf ...
Das allerletzte Mal ...
Grissemann: Fast jedes Programm von uns ist das allerletzte.
„Das Ende zweier Entertainer“, nicht wahr?
Stermann: Wir prolongieren immer dieses Ende.
Grissemann: Mal schauen, ob das wieder funktioniert. Das weiß ich nicht. Vielleicht kommt ja auch keiner.
Stermann: Es gibt einem aber auch einen gewissen Halt,
dadurch, dass man so viele Termine hat, muss man sich nicht überlegen,
was man machen soll. Weil das im Terminplan schon festgelegt ist.
Aber man kann doch nicht sagen, dass das eine Beschäftigungstherapie ist.
Stermann: Doch, für uns ist es auch eine Beschäftigungstherapie. Ich finde das sehr angenehm.
Grissemann: Wenn du auf Tour bist, hast du oft das Gefühl,
entmündigt zu sein. Wenn du in einen Bus gesperrt wirst und von Ort zu
Ort – Orte, die du teilweise auch gar nicht kennst – gekarrt wirst und
dir ein Hotelzimmerschlüssel in die Hand gedrückt wird und du nicht
weißt, wo das ist, was das ist, welcher Veranstalter das ist, da kriegt
man überhaupt nichts mehr mit. Man kommt auch raus aus dem Alltag. Aber
es kann einen auch kaputt machen natürlich.
Stermann: Du bist 60 Tage quasi wie so ein Kriegsgefangener. Immer irgendwo ein neues Sträflingslager.
Grissemann: Nur, dass wir keine Handschellen haben. Aber sonst ist alles gleich.
Stermann: Die Handschellen sind dann die Verträge mit den Veranstaltern. Die man uns um den Finger wickelt.
Und halt jeden Abend so ne psychische Belastung. Das ist auch angenehm, finde ich, weil’s halt so unangenehm ist. Aber das ist auch so – man fühlt sich irgendwie so am Leben teilnehmend. Obwohl es das genaue Gegenteil ist. Aber es ist intensiv. Zu touren ist intensiv.
Habt ihr noch Angst, auf die Bühne zu gehen?
Grissemann: Ich hab’ immer Angst, auf die Bühne zu gehen.
Angst ist ein ständiger Begleiter. Weil man ja nie weiß, wie die
Zuschauer reagieren. Und es gibt nichts Schlimmeres, als vor leeren
Gesichtern zu stehen. Du merkst innerhalb von fünf Minuten, ob der
Abend funktioniert oder nicht. Und wenn du merkst, es funktioniert
nicht, sind die nächsten 85 Minuten die reinste Hölle.
Stermann: Aber je länger du das spielst, umso einfacher wird
es. Wenn du das zwei Jahre lang gespielt hast, kannst du es einfach so
gut, dieses Stück, dann ist das so wie eine Erholungskur. Weil du an
nichts denkst, sondern weißt, was du an dem Abend machst. Und genau
dann ist es meistens so, dass du ein neues Programm machen musst. Genau
dann, wenn’s für dich selber sehr angenehm wird, hörst du wieder auf.
Bei Hader ist das ja super, dass der „Privat“ so lange spielen konnte;
weil er so viel Publikum hatte, dass er 10 Jahre gar nicht nachdenken
musste. 10 Jahre lang völlige Entspannung auf der Bühne, weil er alles
genau wusste.
Ich stolpere immer wieder im Zusammenhang mit Film über euch ...
Du, Christof, mit „Nacktschnecken“ in deiner Rolle als Hermann, was ja
eigentlich eine ganze Parallelhandlung hätte sein sollen …
Grissemann: Hätte sein sollen … ja (lacht)
Und dein Kurzauftritt bei „Silentium!“, Dirk ...
Stermann: Was ja ursprünglich auch eine Parallelhandlung
werden sollte (lacht) Man muss ja auch sehr vorsichtig sein mit der
Rollenauswahl. Wir haben beide sehr lange gezögert, viele Bücher
gelesen, viel verworfen, (lacht), bis dann jeweils die richtige Rolle
dabei war ... Maßgeschneidert. Das war dann für uns geschrieben, auf
uns.
Was warst du noch mal in „Silentium!“? – Der Chauffeur eines Zuhälters?
Stermann: Nein, ich war ein Zuhälter und zwar der, der nicht
am Steuer saß. Ich war ...... es sagt sich immer so leicht, aber ich
hatte ja nur zwei Sätze, und diese dann richtig anzulegen, ist extrem
schwierig. Wenn du sehr viel Text hast, ist das ja leicht, aber ... da
sagt man nur einen Satz.
... und du, Christoph, musstest die Marie rezitieren...
Grissemann: Ich hatte völlig freie Hand.
Ach, das war improvisiert?
Grissemann: Das war mehr oder weniger improvisiert und ich
habe dann auch erfahren, dass kurz überlegt wurde, diese kleine
Minirolle auch noch raus zu schneiden, aber mein Freund Michael
Glawogger hat dann, nur, um die Freundschaft aufrecht zu erhalten, das
Stück, was ja überhaupt nicht in den Film passt, trotzdem drinnen zu
lassen.
Michael Ostrowski hat gemeint, es sei eine interne Hommage.
Grissemann: Ja ja, genau. Aber das klingt jetzt so, als wäre ich krebskrank und wir lassen’s drinnen, weil er sich freut, der alte Narr.
Und ihr schreibt ja auch Drehbücher – „Letzte Lichter“ – mit Jürgen Dose/Heinz Strunk gemeinsam.
Grissemann: Ja, das ist ein Filmprojekt, das wir seit zwei Jahren jetzt verfolgen. Coop99 wird das machen.
Stermann: Die Produktionsfirma wartet verzweifelt darauf, dass wir’s fertig schreiben.
Aber der Zeitmangel …
Stermann: Ja, der Zeitmangel. Aber jetzt, durch die Berührung mit den „Harten Hasen“ kommt natürlich ein ganz neuer Schwung rein.
Ihr seid momentan jeden Tag ausgebucht …
Stermann: Einstweilen müssen wir viel machen, aber es geht
trotzdem irgendwie. Wir können jetzt ja auch in unserem eigenen Leben
Parallelhandlungen einführen (lacht). Aber stimmt schon. Wir sind beide
mehr oder weniger zum Film gewechselt, kann man sagen.
Grissemann: Auch wenn die ganz großen Erfolge noch ausbleiben…