Hollywood gewinnt mehr an Bodenhaftung: Closer überrascht mit einem überzeugenden Quartett und direkter Sprache.
"Von der Liebe und ihren Bedingungen im 21. Jahrhundert" – oder eher: "Von der Verliebtheit
und ihren Bedingungen …", so hätte Patrick Marber sein vielfach Preis
gekröntes und in nunmehr 30 Sprachen übersetztes Stück auch nennen
können. Moderne Beziehungen sind es, die Closer mit erfrischend
unverblümter, direkter Sprache seziert: Was ist übrig geblieben von
Liebe und Treue, regiert der Sex, das Ego? Die pessimistische Antwort
wird in die prägnantesten Situationen im Beziehungsgeflecht zwischen
zwei Männern und zwei Frauen gebündelt präsentiert: Momente, in denen
Herzen gebrochen und neue Richtungen eingeschlagen werden. Schließlich
sind es diejenigen, die in der Erinnerung haften bleiben, die Anfänge
und Enden. Was dazwischen liegt, lässt der Dialogfilm aus; die
Quintessenz jedoch ist nicht gerade rosig: von Intimität und Loyalität
keine Spur.
Die Charaktere bewegen sich im Wellengang, taumelnd, tänzelnd,
umeinander herum. Sie wollen alles und nichts – obwohl sie selbst nicht
zu erahnen scheinen, was sie erfüllen würde. Glück ist nicht das
Entscheidende, vielmehr der Machtkampf, der sich zwischen den beiden
Männern entspinnt. Hautnah
glauben sich die geschiedene Fotografin (Julia Roberts), der
gescheiterte Schriftsteller (Jude Law), die Stripperin (Natalie
Portman) und der Arzt (Clive Owen) zu kommen, doch das genaue Gegenteil
ist der Fall. Unter die Haut schafft es aber immerhin die
Filmproduktion aus einem Hollywood, das langsam mehr an Bodenhaftung
gewinnt. Es verzichtet auf utopische Fügungen und nähert
sich mit schonungsloser Direktheit der entromantisierten Realität, was wohl Patrick
Marbers Angst vor "Hollywoodisierung" zu verdanken ist, die ihn
jahrelang davon abhielt, die Filmrechte zu verkaufen. Erst auf
Mike Nichols ließ sich Marber ein, steuert gar selbst das Drehbuch bei. Denn Nichols kennt die
Materie, hetzte er doch bereits 1966 in Wer hat Angst vor Virginia Woolf? ein Paar aufeinander. Das Warten hat sich gelohnt: Die messerscharfen Dialoge und die distanzierte Inszenierung begeistern!
HAUTNAH / CLOSER
USA 2004. Regie: Mike Nichols.
Nach dem gleichnamigen Theaterstück von Patrick Marber
Mit Julia Roberts, Jude Law, Natalie Portman, Clive Owen.
Verleih: Columbia Pictures. 105 Min.