Eines der intensivsten Filmerlebnisse des Jahres: das ausgeklügelte Manga Old Boy, seit Cannes mit dem Großen Preis der Jury verziert.
Er beißt ihm gierig den Kopf ab. Stopft das glitschige Tier in den Mund. Blasse Arme taumeln heraus, sie zucken, versuchen sich davon zu machen, fest zu halten, Halt zu finden, schlingen sich um seinen Arm. Ein hoffnungsloser Überlebenskampf – bis zum letzten Moment. Was der Mann in der Sushi-Bar bestellt hat, ist "etwas Lebendiges". Das braucht er, nach so langer Zeit. Sein Bedürfnis nach Leben, Leben zu spüren, ist verständlich. So nahe wie der Tintenfisch, so nahe ist ihm 15 Jahre lang kein Lebewesen gekommen.
Die letzten 15 Jahre hat Oh Dae-Su, durchschnittlicher Geschäftsmann und Familienvater, in einem kleinen Ein-Zimmer-Apartment verbracht. Von unbekannten Entführern festgehalten. Das einzige Fenster: aufgemalt. Die einzigen "sozialen Kontakte" bestehen aus dem Moment, in dem die täglich gleichen Essensrationen durch eine Klappe in der Tür in seine Zelle geschoben werden. Sein einziger Freund und Blick in die Außenwelt ist der Fernseher, durch den er nicht nur vom Wandel der Zeit erfährt, sondern in den Nachrichten auch vom Mord an seiner Frau – eine Tötung, die seine Entführer ihm in die Schuhe schieben; ein blutiges Intermezzo, das in ihm tosende Rache hervor beschwört.
Wie schlägt man 15 Jahre tot? In einem einzigen Zimmer? Die Zeitspanne erscheint schier unvorstellbar. Noch gemächlicher muss die Zeit dahin kriechen, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, wer einen gefangen hält. Und warum. Ob man jemals wieder das Tageslicht zu Gesicht bekommen wird. Ob man eine Erklärung erhalten wird. Und dann, ebenso plötzlich wie er inhaftiert wurde, findet er sich in Freiheit wieder. – Welche sich als "größeres Gefängnis" entpuppt, wie sein Entführer hämisch verlauten lässt. Dieser nämlich hat sich ein kleines Spiel überlegt: Der Freigelassene soll dem Grund für die langjährige Tortur auf die Spur kommen. Innerhalb von fünf Tagen. Und nur einer der beiden wird überleben.
Gerne wird Chan-wook Parks bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes verdientermaßen mit dem Großen Preis der Jury verzierte Manga-Filmtrip Old Boy mit Brian De Palma und David Lynch verglichen. – Mit David Finchers undurchsichtigem Spiel in The Game; mit Rachefeldzügen frei nach Lee Marvin und kafkaesken Begebenheiten. All dies vermag das intensive, lebendige Filmerlebnis zu beschreiben, doch ist Old Boy viel mehr als ein wildes Potpourri atmosphärischer Elemente. Chan-wook Park, dessen Abschluss in Philosophie nicht zu übersehen ist, inszeniert überraschend und innovativ. Und schonungslos. – Schließlich handelt es sich hierbei um den nach Sympathy for Mr. Vengeance zweiten Teil seiner Revenche-Trilogie. Und Rache ist kompromisslos. Dies äußert sich eben auch in der filmischen Umsetzung, was sich mitunter am Eisenhammer schwingenden, "Zahnarzt" spielenden Protagonisten abzeichnet.
Vom dichten Tempo bis hin zur ausgeklügelten Story, unvergesslicher Kameraarbeit und pointiert schwarzhumorigem Dialog: Die brutale Manga-Adaption ist ein fesselnder, virtuoser Filmtrip, wie man es lange nicht erlebt hat. – Und wenn der Zuschauer nach 107 davongeflogenen Minuten mit nachhaltiger Gänsehaut aus dem Kinosaal torkelt, dann um die Erfahrung reicher, dass das Happy End nur auf den ersten Blick eines ist …
OLD BOY
Südkorea 2003. Regie: Chan-Wook Park.
Mit Choi Min-Sik, Yoo Ji-Tae, Gang Hye-Jung, Chi Dae-Han u. a.
Verleih: 3L Filmverleih. 118 Min.
derzeit im Kino.