Was es bedeutet, "gegrillparzert" zu werden. Wo Merrill Overturflebte. Warum es gefährlich ist, sich vor dem "Hawelka" die Füße in denBauch zu stehen. – Eine "Tour de Vienne" mit einem der interessantestenzeitgenössischen Schriftsteller. Mit John Irving.
Frauen, die sich mit Bärenkostümen tarnen, kleinwüchsigeBestsellerautorinnen, transsexuelle Footballspieler und inzestuöseGeschwisterpaare: In den Welten, die der ausufernden Fantasie desamerikanischen Autors John Irving entspringen, tummeln sich keineklassischen Helden. Keine Gewinnertypen, keine Glückspilze auf derSonnenseite des Lebens. Skurrile Figuren sind es, Nerds, Außenseiter.Was ein erstaunlicher Anteil seiner Protagonisten gemeinsam hat –abgesehen von ihrer Position im Abseits, manchmal auch "dem Ringen unddem Schreiben" –, sind die Abstecher nach Europa. Besonders oft stülptIrving einen Teil seiner gedanklichen Luftschlösser über die Stadt, inder er ein Auslandssemester verbracht hat. Die Stadt, durch die er inden 60er Jahren geschlendert ist und in der er die meiste Zeit inKaffeehäusern verbracht hat: über Wien.
"Ich bezweifle, dass ich je wieder nach Wien fahren werde", schreibtJohn Irving in seiner Autobiografie "Die imaginäre Freundin". Zwar hater ein Jahr am Institut für Europäische Studien in Wien verbracht undsich in Europa zum allerersten Mal "wie ein Schriftsteller" gefühlt;zwar ist er in Kaprun Ski gefahren und sogar einer seiner Söhne hat inWien das Licht der Welt erblickt. Dennoch: Wien offenbarte sich ihm undseinem Mitbewohner, dem Amerikaner Eric Ross, nicht als besondersgastliches Pflaster. Sie fühlten sich als "Ausländer". Seine Zeit inWien verbrachte Irving neben Ross mit dem gemeinsamen Freund DavidWarren. Vielerorts sickern die Unternehmungen in Irvings Romane ein:Die Motorräder, mit denen sie die Straßen unsicher machten, kommen in"Laßt die Bären los!" vor. Im Rathauspark lernen sich die ProtagonistenSiggi und Hannes kennen und starten mit der neu erstandenen "Bestie",wie der Autor den fahrbaren Untersatz nennt, in ihr Abenteuer, das siezunächst nicht in ferne Lande, sondern in den Tiergarten Schönbrunnbringt. Dort soll Irving neben Kaffeehausbesuchen die meiste Zeitwährend seines Aufenthalts in Wien verbracht haben.
Auch in den vierten Bezirk kehrt Irving literarisch immer wiederzurück: "Jenny und Garp zogen in eine cremefarbene Wohnung mit hohenRäumen im zweiten Stock eines alten Hauses in der Schwindgasse", heißtes in "Garp und wie er die Welt sah". Es ist dieselbe Wohnung, in derSiggi Javotnik, der tragische Held aus "Laßt die Bären los!" gezeugtund seine Großmutter erschossen wird, und die Adresse, unter der EricRoss und John Irving während ihrer Zeit in Wien zu finden waren. Auchin "Die wilde Geschichte vom Wassertrinker" wird sie aufgesucht: Derfluchbeladene Protagonist Bogus sucht dort nach seinem alten FreundMerrill Overturf. Auf dem Türschild steht inzwischen jedoch "K. Putt"geschrieben. Nach Overturf muss Bogus weiterhin suchen. Dies erledigter von seiner Pension aus – einer "Pension Taschy" in der Spiegelgasse29 im ersten Bezirk, einer Adresse, die nicht existiert (dieSpiegelgasse endet mit Hausnummer 25) – und im "Hawelka", wo sich heutenicht mehr Künstler und Denker aufhalten, sondern Touristen. Zu Bogus’Zeit aber treiben sich seltsame Personen vor dem "Hawelka" herum: Einseltsamer Mann stößt ihm ein Päckchen Haschisch in den Magen. Wo ganzunerwartet, aus dem Nichts, ein ziegelsteingroßes Paket mitRauschmitteln auftaucht, ist die Polizei nicht weit – und folglich auchBogus' mehr oder weniger freiwillige Ausreise aus Österreich. Garp undJenny ergeht es in Wien schon besser. – Garp besucht zahlreiche Museenund macht dabei mit dem österreichischen Dichter und Dramatiker FranzGrillparzer Bekanntschaft. Wie jemand, der so "einfältig" und"sentimental" ist wie Grillparzer, gewürdigt werden kann, versteht Garpnicht. Er "las Grillparzers erzählerisches Meisterwerk 'Der armeSpielmann'. Vielleicht, dachte Garp, reichten seine drei JahreSchuldeutsch nicht aus, um die Erzählung würdigen zu können; aufDeutsch hasste er sie. Dann fand er in einem Antiquariat in derHabsburgergasse eine englische Übersetzung der Geschichte; er hasstesie immer noch." "Grillparzer-Witze" zwischen Jenny und Garp sind dienächstlogische Konsequenz. Wenn Garp für seine Mutter kocht, fragt ersie, ob sie ihr Ei weich oder "gegrillparzert" wolle. Und als "einenGrillparzer machen" bezeichnet Jenny in ihrem ausufernden"literarischen Werk" eine Szene oder eine Gestalt, die "wie einlosrasselnder Wecker" eingeführt wird. Überall in der Stadt stolperndie beiden über Erinnerungen an den toten Grillparzer. "Es gab eineGrillparzergasse (eigentlich -straße), es gab ein KaffeehausGrillparzer", sogar eine Grillparzertorte. Man kann es ahnen: "Sie warviel zu süß." – Grillparzer war für Garp (oder doch Irving?) jedoch füreines gut: den Titel der ersten größeren Kurzgeschichte, "Die PensionGrillparzer". Selbst da schaffte Irving es, seine Lieblingstiere, dieBären, über die Seiten tanzen zu lassen. – Bären tummeln sich auch im"Gasthaus Freud", allerdings Bären "der anderen Art": Es handelt sichnicht um ein richtiges Tier, sondern um eine junge Frau aus Michigan imBärenkostüm, die sich nach einer Vergewaltigung für ein Leben als Bärentschieden hat. Ähnlich einem Blindenhund führt sie Freud durch seinenAlltag, nicht zu verwechseln mit Sigmund Freud, dem Irving in seinerZeit in Wien eifrig hinterherlas. Der Freud, der in "Das Hotel NewHampshire" auftaucht, ist Besitzer des Hotels "Gasthaus Freud", wo "dieRadikalen" planen, die Staatsoper in die Luft zu sprengen. In derKrugerstraße soll sich das Hotel befinden. Anstelle eines "GasthausesFreud" findet sich dort nun ein Hotel, das passenderweise "Zur WienerStaatsoper" heißt.
Zu Hause gefühlt hat Irving sich hier nie. Dafür fühlte er sich zu sehrals "Ausländer". Die Waldheim-Affäre trug auch nicht unbedingt zurVerbesserung des Klimas zwischen Irving und Österreich bei. Jetzt istdie Zeit reif für eine Versöhnung; zwischen einem aufgeschlossenen Wienund einem der wunderbarsten zeitgenössischen Autoren. Ganz Wien wirdIrving lesen. Frederic Morton, Imre Kertész und Johannes Mario Simmelwurden mit der einzigartigen Gratisbuchaktion "Eine STADT. Ein BUCH." bereits geehrt. Diesmal wird John Irvings Debüt von 1968 "Laßt dieBären los!" gratis verteilt. – Ein Schelmenroman, der für eine bessere Weltplädiert. Ganz Wien wird die Bären befreien. Das müsste Irvingeigentlich gefallen.
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